Pressemitteilung


Stuttgart, den 21.03.2007


Stellungnahme zur Grundschulempfehlung


Die Selektion der Kinder in die drei Schularten am Ende der Grundschulzeit stürzt viele Familien in eine Krise.

Da ist zum einen die Frage, in welche Schulart das Kind kommen soll. In der Diskussion mit den Lehrerinnen und Lehrern müssen die Eltern verstehen, dass ihr Kind vielleicht nicht in die von ihnen gewünscht Schulart gehen kann. Es kann für manche Eltern ganz heilsam sein, sich noch einmal grundlegend mit der Persönlichkeit und der Leistungsbereitschaft ihres Kindes auseinanderzusetzen. Andererseits steht immer wieder die Frage im Raum, ob denn diese Grundschulempfehlung wirklich so aussagekräftig ist. Die Kinder befinden sich doch immer noch in einer Phase des Übergangs vom spielerischen Lernen zum leistungs- und zielorientierten Schüler. Da mag es manchmal unverständlich sein, wieso noch immer der Notenschnitt den größten Ausschlag für die Empfehlung gibt. Es gibt ja noch viele andere Kriterien wie Schulweg, pädagogische Konzepte an der weiterführenden Schule oder auch, wo die besten Freunde des Kindes hingehen. Im Allgemeinen muss man sagen, dass diese Selektion mit 10 Jahren einfach zu früh stattfindet. Vor allem, weil auch das Eintrittsalter in die 1. Klasse heruntergesetzt wurde, wird das Alter der zu bewertenden 4-Klässler weiter zurückgehen. Eine längere gemeinsame Grundschulzeit ist immer noch ein heikles Thema, aber eines, an dem man heute weniger denn je vorbeikommt.

Die nächste Herausforderung ist dann die Wahl der Schule. In wie viele Schulen gehen Eltern mit ihren Sprösslingen, um die passende zu finden? Selten ist es nur eine. Meist drei bis fünf Schulen und manchmal auch deutlich mehr. Ein Stress für Eltern und Schüler. Und überall werden andere Konzepte, Profile, Kontingentstundentafeln und AG-Programme vorgestellt. Oft weiß man dann am Ende gar nicht mehr richtig, was jetzt eigentlich wo war. Wichtig ist für Eltern heute auch, ob und wie die Kinder am Mittag versorgt werden. Wie sehen die Toiletten in den Schulen aus und wie groß und modern ist die Sporthalle oder der Musiksaal? Und wer trifft dann in der Familie die Entscheidung für die Schule? Wie viel darf das Kind mitreden? Oder entscheiden allein die Eltern? Auf jeden Fall geht ein tiefes Durchatmen durch die Familien, wenn sie endlich in dieser Woche die Kinder angemeldet haben. Die Aufregung legt sich und nun kommt hoffentlich die Vorfreude auf die neue Schule auf. Nur wer eine Hauptschulempfehlung hat, darf nicht wählen! Das ist unverständlich, vor allem, weil ja gerade an den Hauptschulen die pädagogische Arbeit mit ihren Konzepten ganz entscheidend wichtig ist. Und das Selbstbewusstsein der Hauptschüler würde deutlich steigen, wenn auch sie sich wenigstens zwischen zwei Schulen entscheiden könnten.


Martin Schäfer
Vorsitzender der schulischen GEB

15. Dezember 2009


Offener Brief an Kultusminister Helmut Rau zu den neuen Werkrealschulen


Sehr geehrter Herr Minister Rau,

die geplante Einführung von Werkrealschulen führt in vielen Orten zu Irritationen.

Es stellt sich die Frage, wie die Betonung auf qualitätsvolle Bildung, auf Qualitätsoffensive und Qualitätsentwicklung an den Schulen im Einklang stehen kann mit einer rein quantitativen Vorgabe bei der Beantragung von Werkrealschulen (stabile Zweizügigkeit, mindestens 36 SchülerInnen je Jahrgang).

Gerade für HauptschülerInnen, und für die zukünftigen WerkrealschülerInnen ebenso, ist der Weg in Ausbildung und Beruf oft schwierig. Durch die Defacto-Schließung kleiner Hauptschulen werden gewachsene Strukturen, die vorbildhaft mit dem Handwerk und anderen Betrieben vor Ort zusammen gearbeitet haben, zerstört. Diese Strukturen haben vielen Jugendlichen in der Vergangenheit erst dazu verholfen, durch den direkten Kontakt eine Lehrstelle zu bekommen. Die enge Zusammenarbeit mit anderen Partnern (Schulsozialarbeit, offene Jugendarbeit, Vereine u.ä.) hat dazu geführt, dass Probleme – auch im Sozialverhalten – frühzeitig wahrgenommen wurden und entsprechend entgegengesteuert werden konnte. Das alles wird ohne Not geopfert – zu Lasten der betroffenen Kinder und Jugendlichen und ihrer Familien.

Die Frage muss auch erlaubt sein, wie das Kultusministerium es sich vorstellt, in solcher Eile ein Konzept umzusetzen, dessen Auswirkungen auf die beruflichen Schulen nicht durchdacht erscheinen – gerade die beruflichen Schulen haben mit einem strukturellen Lehrermangel zu kämpfen, der zu einem derart hohen Unterrichtsausfall führt, dass selbst die Handwerkskammern schon darauf aufmerksam machen, dass eine qualitätsvolle Ausbildung nicht mehr gewährleistet ist. Gleichzeitig die zweijährigen Berufsfachschulen für Hauptschüler wie bisher und den WRS-Kooperationszug bewältigen zu  müssen, wird dieses Problem für die beruflichen Schulen noch verschärfen. Die Angst besteht, dass die „normalen Hauptschüler“, die sich für den Weg über die zweijährigen Berufsfachschulen zum Mittleren Bildungsabschluss entscheiden, nur noch stark eingeschränkte Möglichkeiten vorfinden. Gerade jetzt in der Krise ist es mehr als bedenklich, wenn weiterbildungswillige Jugendliche gezwungen sind, mangels Plätzen auf staatlichen Schulen in die Privatschulen abzuwandern!

Laut einer Meldung der StZ vom 11. Dezember 2009 kann es in „Einzelfällen“ sein, dass die Entscheidung, ob eine Schule Werkrealschule wird oder nicht, erst im März bekannt gegeben wird. Als Grund wird angegeben, dass  verlässliche Schülerzahlen meist erst nach den Informationsveranstaltungen für die Eltern vorlägen. Das aber ist doch ein Sachverhalt,  derallenthalben bekannt ist – warum wurde nicht grundsätzlich noch bis zum Ende des kommenden Schuljahres gewartet, so dass auch eine Schulentwicklungsplanung abgeschlossen werden kann?

Noch eine weitere Frage muss gestellt werden: Wie kann es sein, dass Schulen zu Werkrealschulen gemacht werden, ohne dass die Bildungspläne, nach denen unterrichtet werden soll, bekannt sind? Müssen wir Eltern es wieder ertragen, dass – wie im G8 – wieder die Kinder zu Versuchskaninchen gemacht werden, an denen in den nächsten Jahren ausprobiert wird, wie und ob die neue Werkrealschule funktionieren kann.

Die Einführung des zehnten Schuljahres sollte für alle SchülerInnen die Möglichkeit bieten, 10 Jahre gemeinsam zu lernen und voneinander zu profitieren. Dann wären die SchülerInnen von ihrer persönlichen Entwicklung her auch eher in der Lage über ihren weiteren Werdegang zu entscheiden – und für die Ausbildungsbetriebe, die mehrheitlich keine Auszubildenden unter 16 Jahren einstellen wollen, wieder interessant.

So könnte eine wirkliche Schulreform aussehen.


Sabine Wassmer                                                             Monika Stark-Murgia
Vorsitzende des                                                               Stellvertretende Vorsitzende des
Gesamtelternbeirates der Stuttgarter Schulen                  Gesamtelternbeirates der Stuttgarter Schulen